JAN OTTO SCHREIBER

Equivalent I-III (2011)

The Desert Project (2010)

Somewhere between the Shores (2009)

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statt mit dem flugzeug von europa nach australien zu gelangen, hat der fotograf jan otto schreiber ein frachtschiff gewählt. gedacht war diese reise als 'verlangsamung und verinnerlichung dessen, was beim zurücklegen solcher distanzen passiert.'

insgesamt 41 tage war der fotograf jan otto schreiber auf den weltmeeren unterwegs. auf dem frachtschiff bekam der gebürtige hamburger keinen anruf, keine sms, war abgeschirmt von nachrichten aus der welt. mit seiner kamera hat er die unterschiedlichen meereslandschaften dokumentiert: 'somewhere between the shores' hat er diesen aufnahmen gegeben.

im pool+ interview erzählt schreiber, warum uns menschen das meer immer träumen lassen wird und die reise mit dem frachtschiff neue, persönliche horizonte eröffnet.

 

lieber jan, in welcher umgebung bist du als kind aufgewachsen?

ich war ein typisches großstadtkind. mit meinen eltern habe ich immer in metropolen gelebt. eines tags haben sich meine eltern dafür entschieden nach neuseeland auszuwandern, um eine farm zu erwerben. ich fand das damals schrecklich. die natur war einfach nicht meine welt. heute sehe ich das anders, wenn nicht sogar als notwendig innere balance um in mein lebensumfeld zu finden.

 

welchen bezug hast du persönlich zur umwelt, zur natur, zum meer?

darwin sagte ‚alles, was gegen die natur ist, hat auf dauer keinen bestand.’ ich versuche täglich im einklang mit der natur zu leben. das ist als fotograf oft sehr schwierig, schließlich bin ich häufig unterwegs und es bleibt zumeist kaum zeit sich mit dem ort auseinander zu setzen an dem man sich gerade befindet. am meisten liebe ich es wenn mich meine foto-jobs in die natur führen. dann kann ich zwei dinge verbinden, die ich sehr gerne mag: kunst und natur.

eine kraftquelle ist für mich das meer. nicht nur an heißen sommertagen, an denen das meer die abkühlung schafft. ich mag auch die rauen herbsttage, an denen man beim strandspaziergang von wind und regen gepeitscht wird ... wenn ich das salz in der luft schmecken kann, fühle ich mich lebendig.

 

erfüllt das meer am ehesten die menschliche sehnsucht vom traum einmal 'in die ferne zu schweifen'?

ich glaube das meer wurde schon immer mit abenteuern in verbindung gebracht. auch dient das meer als inspirationsquelle, um mythen zu erzählen: moby dick, santiago, robinson crusoe oder die vielen piraten-geschichten. handlungen von fernen, unberührten südsee-inseln, meeresmonstern, die es zu besiegen gilt und schätze, die es zu entdecken gibt. der phantasie sind keine grenzen gesetzt. was es noch alles hinter dem horizont am meer zu entdecken gibt? der wunsch, die fähigkeit zu haben, hinter diese trennlinie zu blicken, lässt uns menschen träumen...

 

'das reisen führt uns zu uns zurück', meinte einmal der französische philosoph albert camus. worin liegt für dich die faszination des reisens?

das reisen gibt mir die möglichkeit dinge aus einem anderen blickwinkel zu betrachten, neue erfahrungen zu gewinnen und daraus neue schlussfolgerungen zu ziehen. ähnlich wie albert camus’ in seinem buch 'der fremde' die haupt!gur meursault charakterisiert hat: man lernt dinge über sich selbst, die man vorher nicht in betracht gezogen hätte.

 

was hat dich eigentlich dazu bewogen auf einem frachtschiff von europa nach australien zu reisen und nicht mit dem flugzeug?

viele male bin ich die strecke frankfurt - sydney geflogen. es ist recht unwirklich, in deutschland im winter in ein flugzeug zu steigen und 22 stunden später im hochsommer in australien wieder auszusteigen... ich wollte eine verlangsamung, 'verinnerlichung' und vertiefung dessen, was da geschieht.

auf so einem frachtschiff herrscht eine ganz andere atmosphäre. für 41 tage bekommt man keinen anruf, keine sms, kein fernsehen. man ist abgeschirmt von jeglichen nachrichten. hin und wieder begegnet einem am meer ein anderes schiff das vorbei fährt, dann erkennst du eine insel in weiter ferne - es gibt keine störfaktoren auf den weltmeeren.

in einer welt, in der bilder, wörter und töne immer zudringlicher werden, hatte ich simplizität wieder ge- funden. meine bilder der ruhigen und minimalistischen seelandschaften spiegeln diese stimmung.

 

das schiff gilt als metapher für die gemächliche, langsamere art des fortbewegens, im gegensatz zum flugzeug. bevorzugst du auch im alltag die gemächlichere lebensweise?

momentan sind die tage zu kurz für all die projekte, die ich noch vor habe, für all die orte die es noch zu sehen gibt.

 

welche 'bilder', welche momente auf dieser schiffsreise sind dir am stärksten in erinnerung geblieben?

was mir als erstes einfällt ist das schlechte essen an bord. meistens bereitest du nur tiefkühl- und dosenkost zu. und dass es am schiff eigentlich nicht viel zu tun gab. die männliche schiffscrew unternahm alles um der fadesse des alltags zu entkommen: so gab es nächtliche videoabende mit heimatlichen filmen, ping-pong spielen bei seegang und fische fangen bei stillstand der maschinen. auch an unsere einzige weibliche passagierin erinnere ich mich gerne. sie entschied sich mit 72 lebensjahren noch einmal, dass es an der zeit sei für ein abenteuer ... und dann gab es all die vielen stunden an denen ich einfach nur auf das meer geschaut habe und mit meiner kamera momente festhielt.

faq

 

wo liegt für dich der schönste ort der welt?

es gibt viele beeindruckende orte auf dieser welt. meistens aber ist es ein zeitpunkt des glückes, den ich mit einem gewissen ort verbinde. ein für mich ganz besonderer ort ist ein kleiner strand an der westküste neuseelands. geschützt gelegen durch palmen und fahnen ndet sich ein kilometerlanger strand mit schwarzem vulkansand, rauer brandung - und vor einem liegt die tasmanische see.

 

deine liebsten motive zum fotografieren?

es sind weniger die motive, als die bildsprache und eine neue interpretation die mich interessieren, neue sichtweisen auf orte oder dinge, die uns umgeben. so auch in dieser fotoserie ('somewhere between the shores', anm.), die nicht vom strand aus aufgenommen wurde, sondern immer vom ozean oder von verbindungskanälen.

 

wie könnte man deiner meinung nach den abstand zwi- schen armut und reichtum auf der welt verringern?

ich denke, wir haben durch unser konsumverhalten viel in der hand. wir haben beispielsweise die wahl im geschäft um die ecke einzukaufen und damit die kleinen, lokalen händlern zu unterstützen, oder wir können in kolossalen supermärkten einkaufen... mit diesem bewusstsein lässt sich im kleinen bestimmt etwas erreichen.

 

Interview: Helmut Wolf, Pool Magazine